Schweiz ist Europameisterin bei den E-LKW – Wie kann der Spitzenplatz gehalten werden?
- Stephan Walter

- 30. Apr.
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 6. Mai
Nirgendwo sonst in Europa wurden im Jahr 2025 so viele E-Lastwagen neu zugelassen, wie in der Schweiz. Unser Land setzt damit ein starkes Zeichen für die Transformation im Schwerverkehr – und dies ohne direkte staatliche Kaufprämien für E-LKW. Bei den LKW über 3.5 Tonnen erreichte die Schweiz einen Anteil der Elektrolastwagen von 21.3 % und liegt damit klar vor den Niederlanden (18.2 %) und Norwegen (16.9 %). Die Zahlen der europäischen Automobilhersteller-Vereinigung ACEA wurden vom Bundesamt für Energie in einer Darstellung visualisiert (siehe Abbildung unten).
Auch bei den schweren E-Trucks über 16 Tonnen belegte die Schweiz 2025 mit einem Anteil von 11.9 % aller Neuzulassungen den ersten Platz in Europa. Im 1. Quartal des laufenden Jahres konnte die Schweiz diesen Spitzenplatz halten. Gelingt dies auch zukünftig? Eine wichtige Rolle spielen dabei kleine und mittlere Unternehmen (KMU) aus der Transport- und Logistikbranche.

Vorteilhafte Rahmenbedingungen und wachsendes Fahrzeugangebot
Was sind die entscheidenden Gründe für die hohen Neuzulassungen von Elektro-LKW in der Schweiz? Eine zentrale Voraussetzung ist die aktuell geltende Befreiung der E-Lastwagen von der leistungsabhängigen Schwerverkehrsabgabe (LSVA). Denn durch die LSVA-Befreiung weisen E-LKW in den meisten Segmenten tiefere Gesamtkosten (Total Cost of Ownership) als Dieselfahrzeuge auf. Dies zeigen die Ergebnisse einer kürzlich publizierten Forschungsstudie der Ecoplan AG und der Berner Fachhochschule (Zukunft des elektrischen Strassengüterverkehrs Schweiz), an deren Erarbeitung wir in der Begleitgruppe mitgewirkt haben.
Ab 2029, zwei Jahre früher als geplant, will der Bundesrat jedoch die LSVA-Befreiung für elektrische Lastwagen aufheben. Um den Übergang zu einer elektrischen Güterverkehrsflotte dennoch nicht zu bremsen, will der Bundesrat die Kompetenz erhalten, für die E-LKW ein Rabattsystem einzuführen. Die entsprechende Botschaft ist derzeit in der parlamentarischen Beratung. Die Verunsicherung in der Branche erfordert eine schnelle Klärung der regulatorischen Rahmenbedingungen, um Planungssicherheit zu schaffen.
Das wachsende Angebot an E-Trucks wirkt ebenfalls als zentraler Impuls: mehr Modelle, sinkende Fahrzeugpreise und höhere Reichweiten machen den Umstieg zunehmend attraktiv. Es sind aktuell jedoch v.a. grosse und grössere Unternehmen, wie z.B. Galliker, Krummen Kerzers, Planzer, Post, Schöni Transport, die bei der Elektrifizierung der LKW-Flotte vorangehen und diese Vorteile nutzen. Für kleinere und mittlere Unternehmen (KMU) aus der Transport- und Logistikbranche hingegen, ist dieser Schritt anspruchsvoller.
Grosse Herausforderungen für KMU aus der Transportbranche
KMU aus der Transport- und Logistikbranche stehen in einem schwierigen Spannungsfeld. Die Zustellung der Güter mit einem E-LKW wird zunehmend von Kunden gefordert. Die Elektrifizierung der eigenen Fahrzeugflotte bringt für KMU auch klare Chancen (mehr dazu weiter unten) – aber eben auch einige handfeste Herausforderungen. Es ist mehr als ein Wechsel des Antriebs – es ist eine Transformation. Dafür sind Kapital und Wissen in verschiedenen Bereichen gefragt, um die Herausforderungen anzugehen:
Hohe Anfangsinvestitionen: E-LKW sind heute in der Anschaffung noch deutlich teurer als Diesel-Fahrzeuge und zusätzlich fallen Kosten für Ladeinfrastruktur, Netzanschluss und ggf. Standortanpassungen an. Gerade für kleinere Unternehmen kann das die Liquidität stark belasten.
Zukunftssichere Ladeinfrastruktur & Netzkapazität: Betriebe stehen vor der Frage, wie eine zukunftssichere Ladeinfrastruktur für die Elektro-Lastwagen aufgebaut werden kann. Damit zusammenhängende Themen, wie z.B. eine begrenzte Netzanschlussleistung am Standort, lange Genehmigungs-Prozesse oder fehlender Platz im Depot machen die Planung komplex.
Operative Planung: Im Gegensatz zu Diesel-Fahrzeugen erfordern E-LKW eine präzisere Routen- und Ladeplanung. Ladezeiten, Reichweiten und verfügbare (halb)öffentliche Ladepunkte müssen in den Alltag integriert werden, was neue Prozesse notwendig macht.
Wirtschaftlichkeit: Zwar sind die Energie- und Wartungskosten oft niedriger, aber Faktoren wie Auslastung der Fahrzeuge und der Ladepunkte, regulatorische Rahmenbedingungen (z.B. LSVA) und Förderprogramme beeinflussen stark, ob sich die Investition rechnet.
KMU müssen den Aufbau der Ladeinfrastruktur aber nicht nur allein stemmen – Kooperationen, gemeinsam genutzte Ladehubs und erste öffentliche Ladestationen spezifisch für E-LKW entlang der Autobahnen erleichtern den Umstieg.
Öffentliche und geteilte private Ladeinfrastruktur wachsen
Solange die eigenen Depots nicht vollständig elektrifiziert sind, dürften Elektro-Lastwagen noch vermehrt auf öffentliche und halböffentliche Ladeinfrastruktur angewiesen sein. In diesen Bereichen ist derzeit viel in Bewegung:
Öffentliche Ladeinfrastruktur: Das Bundesamt für Strassen (ASTRA) hat im Januar 2026 einen Projektaufruf für den Bau und Betrieb von Schnellladestationen für E-LKW entlang der Nationalstrassen lanciert. Mit dem Verfahren werden drei Lose mit je rund zehn Standorten an ausgewählten Rastplätzen und Schwerverkehrskontrollzentren an Betreibergesellschaften vergeben (siehe Abbildung unten). Bei diesen Arbeiten durften wir das ASTRA fachlich unterstützen. Weitere Informationen zum Projektaufruf finden Sie in diesem Blogbeitrag.
Den Kantonen kommt ebenfalls eine bedeutende Rolle zu, da sie mit den bewirtschafteten Raststätten über weitere wichtige Standorte entlang der Nationalstrassen verfügen. Im Auftrag des ASTRA führen wir aktuell mehrere Workshops durch, um den Austausch mit den Kantonen zu vertiefen und den Aufbau von Ladeinfrastruktur bei den Raststätten zu unterstützen.

Geteilte private Ladeinfrastruktur: Auch die Branche selbst ist aktiv. So wurden kürzlich mehrere Initiativen lanciert, um private Ladeinfrastruktur in Depots zu teilen. Mit ASTAG Charge hat der Branchenverband ASTAG eine Plattform geschaffen, die Transportunternehmen in der Schweiz miteinander verbindet und das Teilen von Ladeinfrastruktur unter Mitgliedern erleichtert. Eine weitere digitale Zugangs- und Abrechnungslösung für das Teilen von Depot-Ladestationen mit dem Namen ‘My Charging Slot’ wurde vom Energieversorger Repower zusammen mit Unternehmen der Transportbranche initiiert.
Die Vorteile solcher Plattformen liegen auf der Hand: höhere Auslastung der Depot-Ladeinfrastruktur und tiefere Ladetarife für das Laden unterwegs. Wir gehen davon aus, dass diese geteilte Ladeinfrastruktur, eine entscheidende Rolle im zukünftigen Angebot an Lademöglichkeiten spielen wird. Kooperationen und halböffentliche Ladehubs sind wichtige Schlüssel für die Wirtschaftlichkeit und Skalierung.

Viele Vorteile beim Laden der E-LKW im eigenen Depot
Das Laden im Depot ist für die inländische Transportbranche zentral und bringt einige handfeste Vorteile – wirtschaftlich, betrieblich und strategisch:
Niedrigere Betriebskosten: Das Laden im Depot ist günstiger als das Laden an öffentlicher Ladeinfrastruktur. Mit einem intelligenten Lastmanagementsystem kann der Stromverbrauch im Depot zudem gesteuert werden (Lastspitzen glätten). In Kombination mit eigener Stromerzeugung (z.B. Photovoltaik) und einem Batteriespeicher wird es noch effizienter.
Planbare Abläufe: Im Depot laden heisst: deutlich verbesserte Planungssicherheit und u.U. keine Abhängigkeit von öffentlichen Ladestationen. Die Fahrzeuge starten jeden Tag vollgeladen und einsatzbereit – das erhöht die Zuverlässigkeit im Betrieb deutlich.
Nachhaltigkeit & Image: Eine eigene Ladeinfrastruktur unterstützt die Dekarbonisierung und verbessert die Umweltbilanz. Das kann auch bei Ausschreibungen oder Kundenentscheidungen ein Pluspunkt sein.
Angesichts dieser Gründe dürfte es sich lohnen, selbst aktiv zu werden und in Depot-Ladepunkte zu investieren. Wenn die Ladestationen zudem mit Partnerunternehmen oder Dritten geteilt werden, können Kosten- und Skalierungsvorteile genutzt werden.
«Langfristig wird das Depotladen die dominierende Ladeform sein.»
Die Studie von der Ecoplan AG und der Berner Fachhochschule zeigt, dass das Depotladen langfristig die dominierende Ladeform sein wird: Im Jahr 2030 werden in der Schweiz rund 2’450 – 2’900 Ladepunkte benötigt. Bis 2050 steigt dieser Wert auf 13’000 – 19’000 Ladepunkte, jeweils mit einer durchschnittlichen Ladeleistung von 100 kW pro Ladepunkt.
Was sind die konkreten Schritte zur Umstellung auf E-LKW?
Was braucht es nun für den Umstieg auf E-LKW? Hier die wichtigsten Schritte in einem kurzen Überblick:
Bestandsaufnahme: Zu Beginn des Projekts ist eine Bestandsaufnahme durchzuführen. Dazu gehört eine Flottenanalyse inklusive der Nutzungsprofile der Lastwagen (tägliche Fahrleistungen, Standzeiten, Rückkehrzeiten, etc.). Zudem muss die aktuelle Netzanschlussleistung am Depot ermittelt werden, um über die Notwendigkeit einer Erweiterung des Netzanschlusses zu entscheiden.
Fahrzeugauswahl: Bei der Fahrzeugauswahl sind Nutzlast und benötigte Reichweite entscheidend. Damit die betrieblichen Prozesse angepasst und wichtige Erfahrungen gesammelt werden können, sollte die Anzahl an neu beschafften E-LKW weder zu klein noch zu gross sein. Häufig ist es sinnvoll, mit einer Pilotstrecke zu starten. Besonders gut planbar sind heute schon depotgebundene Strecken im Verteilerverkehr. Es gibt auch Alternativen zum Kauf: erste Unternehmen bieten Abos für LKW-Ladeinfrastruktur und optional auch für E-LKW an.
Dimensionierung der Ladeinfrastruktur: Die Standzeiten je Fahrzeug und die benötigten Reichweiten bestimmen die benötigte Ladeleistung. Die Anzahl benötigter Ladepunkte ergibt sich aus der Anzahl an E-LKW und wie viele davon gleichzeitig geladen werden müssen. Für längere Standzeiten – insbesondere aufgrund des Nachtfahrverbots von 22:00 bis 5:00 Uhr – sind Ladeleistungen zwischen 50 und 100 kW praktikabel. Im Depot ist zudem ein Energiemanagement sinnvoll, um den Energieverbrauch mittels Lastmanagement zu steuern und Lastspitzen zu senken.
Netzanschluss: Die erforderliche Netzanschlussleistung wird anhand der Ladeleistung, der geplanten Anzahl an Ladepunkten sowie möglicher zukünftiger Erweiterungen bestimmt. Eine frühzeitige Abstimmung mit dem zuständigen Netzbetreiber ist dabei entscheidend, da eine Erweiterung des Anschlusses sowohl die Kosten als auch den zeitlichen Rahmen des Projekts massgeblich beeinflussen kann. Dies zeigen auch unsere Erfahrungen bei den Abklärungen mit zahlreichen Netzbetreibern im Rahem des Projektaufrufs des ASTRA.
Kostenschätzung & Finanzierung: Nachdem der Bedarf und die benötigten baulichen Massnahmen ermittelt wurden, können die Projektkosten berechnet werden. Um die Kosten für KMU zu senken, gibt es ein Förderprogramm des Bundes (siehe unten).
Betriebsorganisation: Für den Betrieb erfordert insbesondere die Ladezeitplanung Anpassungen und muss in die Routen- und Standzeitplanung integriert werden.
Diese umfangreichen Abklärungen können ebenfalls durch Fördermittel des Bundes finanziell unterstützt werden.
Fördermittel für die Durchführung einer Machbarkeitsstudie
Der Bund hat den Branchenverband ASTAG mit der Umsetzung des Branchenprogramms «Ladeinfrastruktur E-LKW» beauftragt. Das Ziel ist es, kleine und mittlere Transportunternehmen bei der Dekarbonisierung finanziell zu unterstützen. Für die Planung und den Aufbau von E-LKW Ladeinfrastruktur stehen KMU der Transport- und Logistikbranche einmalig CHF 20 Millionen zur Verfügung. Pro Unternehmen können damit maximal 40 Prozent der Kosten finanziert werden.

Was wird konkret mit dem Programm gefördert?
Planung (Machbarkeitsstudie)
Netzanschluss
Zuleitung
Ladeeinrichtung
Bei der Durchführung einer Machbarkeitsstudie werden folgende Aspekte berücksichtigt: Abklärung Netzanschluss, Dimensionierung Ladeinfrastruktur, Auswahl technischer Lösungen, Kostenschätzung, Wirtschaftlichkeit, usw. Weitere Informationen und Bedingungen für die Förderung finden Sie auf der Website des Branchenprogramms.
Falls Sie unabhängige Beratung und fachliche Unterstützung bei der Planung Ihres Projekt benötigen, können Sie sich gerne über das Kontaktformular bei uns melden. Gerne begleiten wir Sie von der Bestandsanalyse über die Planung bis hin zur Ausschreibung von Aufträgen.
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